Tarapoto und seine magischen Wasserfälle

[vc_row row_type=”row” use_row_as_full_screen_section=”no” type=”full_width” text_align=”left” css_animation=””][vc_column][vc_column_text]Vor mir liegt die Cordillera Escalera – ein 149,870 Hektar großes Naturschutzgebiet, welches 2005 zum Schutz der Nebelwälder und deren biologischer Vielfalt ausgerufen wurde. Sie liegt nördlich vom Fluss Huallaga in der Region San Martin. Neben der Großstadt Tarapoto leben die indigenen Stämme der Quechuas, Lamas und Chayahuitas in Abhängigkeit mit diesem einmaligen Naturraum. Doch die illegale Holzwirtschaft ist in Peru ein großes Problem. Kleinbauern brennen Waldflächen ab, um mehr Agrarfläche zu schaffen, wobei das größere Übel die Holzkonzerne mit ihren Massenrodungen sind. Jahr für Jahr schrumpfen die Regenwälder und es scheint, als würde ein ganzes Land einfach dabei zuschauen. Eine brutale Realität, die man am liebsten verdrängen möchte, wenn man zu Gast im Regenwald ist. Wer die Ohren spitzt und die magische Schönheit auf sich wirken lässt, sieht diesen Lebensraum mit anderen Augen. Die Baumriesen wachsen einem schier über den Verstand, Bäume, Büsche und rankende Pflanzen sind Heimat so vieler Lebewesen und wir Menschen reißen einfach alles nieder. Bei diesem Gedanken läuft es mir eiskalt über den Rücken.

 

Da beruhigt es ein wenig, dass es Gebiete wie die Cordillera Escalera gibt, deren Bewohner so schnell keiner Rinderfarm weichen müssen. Die Nebelwälder bilden ein einzigartiges Ökosystem aus flächendeckenden Urwaldbäumen, tropischen Pflanzen und einer sagenhaften Fauna. Ein weiterer Grund, dieses Gebiet zu schützen, ist sein Wasserreichtum. Um die 30 Wasserfälle, mehrere Lagunen, Flüsse und Thermalquellen versorgen die umliegenden Gemeinden mit Wasser, ein Großteil fließt in den Río Huallaga und weiter in den großen Río Marañón, der den Zufluss des Amazonas bildet. Ein kleiner Fluss, der auch durch Tarapoto fließt, ist der Río Shilcayo. Seinem Flussbett werden wir heute folgen, um uns tiefer in den Regenwald der Cordillera Escalera zu begeben. Ziel unserer Wanderung ist der Wasserfall Tamushal.

 

Auf unserer Dschungel-Expedition werden wir von der Rangerin Maria und ihrer Machete begleitet. “Bitte chicos, lasst uns während der Exkursion zusammen bleiben”, belehrt sie uns vor Abmarsch. “Der Dschungel ist unberechenbar. Wer sich verirrt, kommt vielleicht nicht mehr lebendig heraus.” Maria, die mit dem Regenwald aufgewachsen ist, spricht in einem forschen Ton. Sie kennt die Gefahren, die hinter Stock und Stein lauern. Die Narben auf ihrem linken Arm und auf ihrer Stirn belegen es. Diese Wanderung ist gewiss kein Spaziergang. Ein Dutzend Mal müssen wir den Rio Shilcayo überqueren, aber nicht über Brücken, sondern quer über das steinige Flussbett. Die Trockenzeit macht es möglich, der Wasserstand ist niedrig. Doch dieses friedliche Flüsslein ist trügerisch – viele Steine sind lose und wackeln oder sind gar mit einer glitschigen Schicht überzogen. Wie gut, dass ich auf Marias Worte gehört und mich für die Gummistiefel entschieden habe. Mit denen kann ich direkt durch das Wasser waten.

 

Irgendwann geht es hinein in den dicht bewachsenen Urwald. Die Sonne – welche uns über dem Río Shilcayo noch auf der Haut brannte, befindet sich nun jenseits der Baumkronen. Es ist, als würde man eine neue Welt betreten. Die Geräusche kommen näher, ich höre es rascheln, huschen, pfeifen und zirpen. Der vielstimmige Urwaldchor übertönt mein schweres Atmen. Der Marsch durch den Nebelwald ist mühsam, denn das Gelände ist sehr hügelig. Die nassen Blätter und der braune Morast, die nach dumpfer Fäulnis riechen, machen das Wandern zur Rutschpartie, ein paar Brettwurzelbäume stellen mir ein Bein.

 

Mir läuft der Schweiß über den Rücken, es ist schwülwarm und die Mosquitos halten mich für ein gefundenes Fressen. Wir erreichen eine verfallene Hütte an einer Lichtung. Während wir uns auf den Bänken ausruhen, erzählt uns Maria eine Gruselgeschichte: Vor wenigen Tagen wurde eine Touristin von einem Affen angegriffen. Schuld sei der Ranger gewesen, der den Affen mit einer Banane lockte, um ihn den Touristen vorzuführen. Der Affe freute sich natürlich über die Banane, fand die Anwesenheit der Fremden aber weniger lustig und kratzte der Amerikanerin fast die Augen aus. Zum Glück ging der Ranger dazwischen. Deswegen, so sagt Maria, sollen wir bitte mucksmäuschen still sein, denn noch immer könnte der verärgerte Affe in der Nähe sein. Das ist so eine der Geschichten, von denen man am liebsten nichts wüsste. Ich dachte immer, Affen wären zugängliche Tiere. Wäre ich hier alleine, würde meine Überlebenschance rapide fallen. So wunderschön das alles ist, ich habe einen höllischen Respekt vor dem Dschungel.

 

Nach drei Stunden erreichen wir den Wasserfall Tamushal. Er ist vollkommen – ein tropisches Bilderbuch-Paradies, umgeben von sattem Grün, blaue Schmetterlinge flattern durch die angenehm kühle Luft und das Rauschen des Wasserfalls weckt in mir ein Gefühl der Zeitlosigkeit. Ich schließe die Augen und möchte alles um mich herum vergessen. Doch Maria macht mir einen Strich durch die Rechnung: “Wir müssen sofort umkehren chicos!” Was? Jetzt schon? Ich wollte doch noch baden! “Uns erwartet in 20 Minuten ein starker Regenfall. Wir müssen zurück, bevor der Flusspegel ansteigt.” Etwas verärgert über Marias dominante Art kehren wir dem Fünf-Minuten-Paradies den Rücken zu. Woher weiß sie eigentlich, dass es regnen wird? Haben ihr das vielleicht die Urwaldkröten zugeflüstert? Unterwegs lasse ich mich von einem Waldweg faszinieren, der mit violettfarbenen Blüten übersät ist. Was für ein Wunder! Ich halte an, mache Fotos und schon höre ich Maria rufen “Norita, vamos! Wir müssen uns beeilen.” Und sie hat recht. Wenige Minuten später beginnt es wie aus Kübeln zu regnen. So stark, dass ich in Panik gerate, denn der Regen könnte durch meinen Rucksack dringen und meine Kamera kaputt machen. Statt meine Regenjacke anzuziehen, hänge ich sie über meinen Rucksack und hoffe das Beste …

 

Der Rückmarsch wird zur reinsten Odyssee. Während ich um meine Kamera und die Fotos, bange, prasselt der Regen nur so auf mich nieder und hinein in die Gummistiefel. Ich bin bis auf die Unterhose klitschnass, meine Sachen kleben am Körper und mein Nervenkostüm wurde längst mit den Wassermassen weggespült. Doch statt zu verzweifeln, heißt es einen kühlen Kopf bewahren! Natürlich hat sich das harmlose Flüsslein in einen reißenden Fluss verwandelt und wenn ich nicht an Ort und Stelle sterben möchte, muss ich ihn überqueren. Vorsichtig balanciere ich über die nassen Steine. Maria, die bis zum Bauch im Wasser steht, reicht mir ihre Hand und ich bin ihr sehr dankbar. Wahnsinn, was Körper und Geist leisten können, wenn sie völlig unter Strom stehen. Nach zwei Stunden kommen wir durchgenässt, aber heilfroh am Ausgangspunkt unserer Wanderung an. Doch da ergreift mich eine düstere Vorahnung: Meine Kamera! Ich reiße meine Regenjacke vom Rucksack, öffne ihn und was fühle ich? Die Kamera ist trocken. Puh! Hut ab vor meiner Regenjacke. Härtetest bestanden, würd’ ich sagen.

 

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