Ein Text über das Busfahren in Peru

Eines muss man den peruanischen Luxus-Bussen lassen – sie waren der Zeit, zumindest der deutschen Zeit, weit voraus, denn bevor es überhaupt MeinFernbus, Flixbus und Konsorten gab, rollten schon längst noble Doppelstockbusse mit auffallend bequemer Bestuhlung, Entertainment-Programm, kabellosem Internet, zuvorkommendem Service-Personal und zahlreichen Sicherheits-Pipapos über Perus Straßen.

 

Busfahren in Peru … 

Ob auf der küstennahen Panamericana oder hinein in das Landesinnere – Buslinien wie Cruz del Sur, Oltursa und Moviltours sorgen auch heute für einen angenehmen, sicheren, zuverlässigen und umweltfreundlichen Reisespaß, welcher kaum einen Wunsch offen lässt. Hervorzuheben sind die geräumigen Premium-Sitze, die man um 180 Grad zurückfahren kann. Was mir jedoch in den Luxus-Linern fehlt, ist der quasi nicht vorhandene abenteuerliche Reiz des Reisens – das Salz in der Suppe. Während der Fahrten geht es besinnlich, fast schon langweilig zu. Eines jedoch sollte man niemals onboard vergessen: Ohrstöpsel oder lärmsichere Kopfhörer. Was die Fahrgastbespaßung anbelangt, hinken die Peruaner dann doch ihrer Zeit hinterher. Entweder darf man eine geballte Ladung “Verstehen Sie Spaß?” über sich ergehen lassen mit viel Kichern und Lachen von allen denkbaren Seiten (die Peruner finden diese Show super komisch), oder es wird irgendein alter Blockbuster mit reichlich Mord- und Totschlagszenen abgespielt. Das unnötigste Spielchen, welches mir auf der Fahrt von Nasca nach Arequipa aufgezwungen wurde, war Bingo. Ich wiegte mich noch im Schlaf und auf einmal, gegen sechs Uhr Morgens lief die Service-Dame durch den Gang und brüllte lauthals Zahlen und Buchstaben – mit MIKROPHON –, damit auch bis in die letzte Sitzreihe jeder schlafende Gast mit dem Bingo-Wahn geweckt wurde. Fast hätte ich einen Beschwerdebrief an Cruz del Sur geschrieben, wäre mir nicht aufgefallen, dass Bingo als offizieller Service auf der Webpage aufgeführt war. Doch sind es nicht just diese Zwischenfälle, die später Reiseberichte füllen?

 

Wie dem auch sei, es rollen nicht nur Luxus-Busse durch Peru. Bevölkert werden Städte, Autobahnen und Wege vom kompletten Gegenteil: alten, rostigen, dafür aber farbenfrohen Bussen und Kombis (kleineren Fahrzeugen), die einem das unwillkürliche Gefühl geben, man sei vielleicht auf einem anderen, von Abgaswolken vernebelten Planeten gelandet. Auf diesem Planeten herrschen ganz eigene, schier unverständliche Gesetze. Eines davon lautet nicht “rechts vor links”, sondern “wer zuerst hupt, fährt zuerst” – die Hupe ist unüberhörbar das meistgenutzte Gerät in peruanischen Bussen. Ebenfalls ein großes Fragezeichen stellt die Busmechanik dar. Da es TÜV oder ähnliches in Peru nicht gibt, kann man in Sachen Fahrtüchtigkeit nur an den gesunden Menschenverstand oder an Gottes Gnade – bei so viel religiöser Windschutzscheiben-Dekoration durchaus denkbar – appellieren. Besser ist es, die klapprigen Busse nicht genauer zu inspizieren, da die Wahrheit wohlmöglich direkt zum Herzkasper führt. In einfachen Überlandbussen ist Komfort – so international dieses Wort auch sein mag – ein Fremdwort. Zweckmäßig, unbequem sind die engbestuhlten Hartschalensitze, die für langbeinige Europäer schnell zum Albtraum werden. Am Gang sitzend, kann man seine Beine zumindest ein bisschen ausstrecken. Die Fensterplätze bieten selbstverständlich die schönsten Ausblicke, wobei man auf einigen abenteuerlichen Strecken darauf eventuell gar keinen Wert legt … Auf meiner letzten Fahrt durch die nordperuanischen Anden wurde mir vorsichtshalber ein Kotz-Plastik-Tütchen ausgehändigt, falls mein Magen gegen die derben Fahrkünste unseres peruanischen Michael Schumachers rebellieren würde.

 

Was das Busfahrprozedere in Peru angeht, habe ich manchmal das Gefühl, als hätte das Universum einen großen buddhistischen Reifetest mit mir vor. Meine Geduld wird bei jeder Busfahrt auf’s Neue auf die Probe gestellt. Werde ich unendlich langes Warten auf den Bus ertragen? Ist mein Gespäck auch sicher auf dem Dach befestigt? Bleibe ich ruhig, wenn unterwegs jedes denkbare Andennest angefahren wird und wir uns um etliche Stunden verspäten? Gerate ich vielleicht in Panik oder erleide klaustrophobische Panikattacken, wenn der Bus aus all seinen Nähten platzt? In solchen Momenten geht mein auf Recht und Ordnung bedachter deutscher Charakter mit mir durch, dabei wäre ich doch gern so tiefenentspannt wie die Peruaner! Die nehmen jeden noch so chaotischen Umstand schweigsam in Kauf.

 

Sitzende Fahrgäste sind während der Busfahrt zwar im Vorteil, haben aber zwangsläufig immer irgendeinen Hintern oder Ellenbogen im Gesicht. Der menschliche Kontakt kommt in öffentlichen Bussen niemals zu kurz, was auch sprungfaulen Flöhen und gewitzten Taschendieben gefällt. Das wohl wichtigste Zauberwort beim Busfahren lautet übrigens baja, was “Ich will aussteigen heißt” und tunlichst laut und schroff gerufen werden sollte. Ob man nun sein Ziel erreicht hat, akute Platzangst verspürt oder einen der Fahrstil buchstäblich ankotzt – mit baja kann man so manch einer Odyssee ein Ende bereiten – vorausgesetzt man weiß, wie man sich aus dem Bus heraus beamt oder durch die Massen kämpft.

 

Trotz all der Unannehmlichkeiten, die Busfahren nun einmal mit sich bringt, möchte ich dennoch ein Plädoyer für eine Reise in öffentlichen Bussen halten, denn für mich ist es so, als würde man sich in das Wohnzimmer Perus setzen und gespannt beobachten, was passiert. Der ehemalige Präsident Ollanta Humala benutzte in einem Interview den Kombi ebenfalls als Metapher, um zu beschreiben, welche Verantwortung er mit dem Amt des Präsidenten übernommen hat: “I’m like the one driving a combi with 30 million Peruvian men and women. That combi that is the State is not a new combi, it has problems […] I have committed to taking the combi to one stop and to another, closer to the ideal country. If I go too fast, there are creatures, there are children, and someone can fall. Those who have put me at the helm of this combi are not only those who voted for me, but the 30 million Peruvians.”


Ein gerammelt voller Bus oder Kombi repräsentiert Peru mit all seinen Ecken und Kanten. Wer Peru kennt, den wird es kaum verwundern, wenn wirklich 30 Millionen Peruaner versuchen würden, sich in einen klapprigen Kombi zu quetschen. Das war schon immer so und wird auch morgen noch so sein. In öffentlichen Bussen lässt es sich herrlich in das wahre Leben eintauchen und wenn Verspätung und Verstopfung dazugehört – na dann bitte, soll es so sein! Als Wiedergutmachung gibt es typische Folklore-Klänge zu hören, Reisebekanntschaften zu knüpfen und ergreifend schöne Landschaftskulissen zu bewundern.

 

busfahren

 

Nora

Nora

Reiseautorin & Fotografin

 

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2 Kommentare

  1. Toller Bericht – wir planen schon – thx

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  2. Tolle Anregeungen, danke Nora

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