Lago Sandoval: Juanito und die Würgeschlange

Am Sandoval-See im peruanischen Dschungel drängelt sich das Leben. Und nicht immer spielt der Mensch dabei die erste Geige.

von Lukas Weidenbach

 

Die untergehende Sonne taucht den Lago Sandoval in goldenes Licht. Der Urwald, der wie eine haushohe grüne Wand um das Wasser herum steht, wird unmerklich zu einem konturlosen Schwarz. Unser Guide Daguer rudert mich mit meiner Begleiterin gemächlich über den See. Er ist Mitte zwanzig, kommt aus einer der vielen indigenen Gemeinschaften der Region und trägt ein Trikot der finnischen Fußballnationalmannschaft mit seinem Namen auf dem Rücken – ihm gefalle Finnland, sagt er nur dazu. Da kommt uns auf einem Boot ein von der Sonne gegerbter, sehniger Mann mittleren Alters entgegen. „Das ist Juanito“, erklärt Daguer und winkt ihm zu. „Er lebt davon, dass er Waren und Touristen transportiert. Letztes Jahr ist er dort vorne am Ufer von einer Würgeschlange angegriffen worden.“

 

 

Artenvielfalt is King

Wir sind ganz Ohr. Schließlich sind wir hier, weil wir den Dschungel und seine Tiere sehen wollen. Das Tambopata-Nationalreservat, in dem der Lago Sandoval liegt, wird wegen seiner Biodiversität von Touristen und Wissenschaftlern geschätzt. Auf einer Fläche, die größer ist als das Saarland, leben nicht nur viele Arten von Schlangen. Es gibt auch Vogelspinnen, Kaimane, Piranhas, Faultiere, Affen, Jaguare und eine Unzahl von Insektenarten, von denen nur ein Bruchteil bisher katalogisiert ist. Und das ist noch lange nicht alles.

 

 

Hier am See fallen besonders die außergewöhnlichen Vögel ins Auge, die zum Teil wie Fantasiegestalten wirken: dort ein Riesenschnabel, da eine Federhaube, und alles in den seltsamsten Farben. Auf den Postern der Reiseveranstalter in Puerto Maldonado, der nächsten Stadt, werden vor allem die roten und blauen Aras beworben. Auf den Fotos lecken sie das Salz aus den lehmigen Uferböschungen des Rio Madre de Dios – das ist der nahe Amazonaszufluss, aus dem der nierenförmige Sandoval-See einst entstand. Diese Vögel fliegen jetzt in der Abenddämmerung krächzend über unsere Köpfe hinweg, unterlegt vom Sound der Brüllaffen einige Kilometer weiter, der wie eine Mischung aus grummelndem Magen und naher Autobahn klingt.

 

 

Welcome to the Jungle

Um hierher zu gelangen, sind wir von Puerto Maldonado eine Dreiviertelstunde mit einer Motorbarke den Madre de Dios hinabgefahren, um dann mit vollem Gepäck drei Kilometer durch zum Teil wadentiefen Matsch zu laufen. Ich bin dankbar für die Gummistiefel, die man uns gegeben hat, und verfluche die Last auf meinem Rücken. Wir haben beide viel zu viel mitgenommen. Daguer bestaunt unsere großen Trekking-Rucksäcke mit mildem Spott. Er trägt sein Gepäck für die kommenden drei Tage in einer Art Turnbeutel.

 

Drei Männer betreiben unsere Unterkunft, die Maloka Sandoval Lodge. Es gibt etwa zehn Hütten auf Stelzen, zwischen denen Echsen huschen und eine Entenfamilie lebt, Hängematten, einige Wäscheleinen (gewaschen wird von Hand im Zuber) und einen kleinen Gemüsegarten. Und eine große, runde Pfahlhütte, die zugleich Aufenthaltsraum und Speisesaal ist. Das dortige Unterhaltungsprogramm besteht aus einem zerlesenen Taschenbuch, einem Backgammon-Spiel und einem Quartett über das Tambopata-Nationalreservat. Der Dschungel ist der Star, und nichts lenkt von ihm ab. Kein Internet. Strom nur abends per Generator. Der einzige Fernseher steht in der angrenzenden Küche. Wir hören, wie die Männer von der Lodge dort Actionfilme schauen, während wir jeden Abend unsere gebratenen Bananen zum Nachtisch essen.

 

Es geht auch luxuriöser. Auf dem Hinweg kommen uns US-Touristengruppen aus der größeren, benachbarten Sandoval Lake Lodge entgegen, inklusive Gepäckservice. Vier fluchende und schwitzende Angestellte ziehen und schieben es auf einem Wagen durch den Schlamm. Laufen müssen die Amerikaner dennoch selber. Und schwitzen. Jeder schwitzt hier. Ständig. Das gehört dazu.

 

Die Einheimischen und die Fremden

Unsere Nachbarn sehen wir gelegentlich auf dem See wieder, auf anderen Booten. „Gott sei Dank war Juanito ohne Touristen unterwegs, als er von der Schlange angegriffen wurde“, sagt Daguer. „Er hatte eine Hundskopfboa am Ufer gesehen und wollte ein Foto mit seinem Handy machen. Er war zu nah dran. Sie hat sich auf ihn fallenlassen und ihn in die Hand gebissen.“

 

In der Tat: Als Juanito im letzten Licht des Tages näherkommt, sehen wir die wulstige Narbe auf seinem Handrücken. Gern würden wir die Geschichte von ihm hören, doch er ist nicht an uns interessiert und rudert ohne Eile vorbei, wobei er mit Daguer Smalltalk in schwer verständlichem spanischen Slang betreibt. Sie sprechen nicht dieselbe Muttersprache. „Diese Boas sind aggressiv und stark. Sie sind nicht giftig, aber sie verbeißen sich in dir und versuchen dich dann zu erwürgen“, erzählt unser Guide dann weiter. „Juanito hat versucht, sie im Wasser zu ertränken. Ohne Erfolg. Währenddessen waren Touristenboote in der Nähe. Die Touristen haben zugesehen und Fotos gemacht.“ Er sagt es ohne Vorwurf. Keiner hat geholfen? „Nein, aber niemand kann ernsthaft von jemandem verlangen, dass er sich in den Kampf mit einer Riesenschlange begibt.“

 

Das nächste Krankenhaus befindet sich in Puerto Maldonado, mindestens zwei Stunden entfernt. Die Gegend ist äußerst dünn besiedelt. Hier ist die Welt zu Ende, denke ich unwillkürlich. Doch sie geht immer noch weiter.

 

Erst im Dezember 2014 entdeckte man in der Region einen bisher unkontaktierten Stamm. Oder vielmehr entdeckte dieser Stamm das Dorf Monte Salvado. Die Angehörigen der „Mashco Piro“ getauften Ethnie kamen vom Hunger getrieben, töteten Haustiere und raubten Lebensmittel und Werkzeuge. Die Regierung versucht seitdem, sie von der Außenwelt fernzuhalten – auch damit sie sich nicht mit Krankheiten anstecken, gegen die sie nicht immunisiert sind. Mit wenig Erfolg: Im Mai 2015 starb ein Einwohner der indigenen Gemeinschaft Shipetiari am Pfeilschuss eines Mashco Piro bei einem der wiederholten Übergriffe. Und in die entgegengesetzte Richtung streben christliche Missionare.

 

Doch obwohl dieser Konflikt hier hochaktuell und relevant ist, wirkt er seltsam weit weg. Das liegt vermutlich zum einen daran, dass das Nationalreservat ein Touristengebiet ist, wenn auch kein überlaufenes. Aber vor allem wird unsere Aufmerksamkeit von dem Überfluss an Tier- und Pflanzenleben gefesselt, der uns umgibt. Überall raschelt, knackt, platscht und surrt es.

 

 

Kompromisse

Am nächsten dran am Menschen sind stets die Insekten. Chemisches, öliges und äußerst ungesundes Mückenspray gilt als Pflicht für Besucher, und zwar zu jeder Tageszeit. Bei einer unserer nächtlichen Ausfahrten lassen wir den Lichtkegel von Daguers Hochleistungs-Stablampe über den See kreisen, um Kaimane zu beobachten. Wie Baumstämme liegen sie im schwarzen Wasser, und man erkennt sie nur an ihren reflektierenden Augen. Nicht zu lange leuchten, mahnt unser Guide, weil sich sonst zu viele Viecher im Lichtschein sammeln. Am nächsten Morgen sehen wir, dass Hunderte von Insektenleichen in unserem Boot liegen.

 

Hier am Sandoval-See will man einen Kompromiss finden zwischen der Anwesenheit des Menschen und der Unberührtheit der Natur. Seit der Einrichtung des Nationalreservats 1990 dürfen nur die fünf Familien, die schon vorher am See wohnten, hier leben und arbeiten. Sie betreiben die beiden Lodges und ein Restaurant. Motorboote sind verboten.

 

 

Auch die Zoologische Gesellschaft Frankfurt unterstützt den Schutz des Lebensraumes mit Bildungsangeboten und Hilfe bei der Erforschung des Gebiets. An unserem letzten Abend im Dschungel betrachten wir den Sonnenuntergang von einem nahen Beobachtungsturm, auf dem das Logo der Gesellschaft prangt. Der Turm ist extrem wackelig und etwas baufällig. Wohl nicht Made in Germany, scherzt meine Begleiterin. Wahrscheinlich ist einfach das Tropenklima schuld, das menschliche Bauten in kürzester Zeit kompostiert.

 

Doch was wir wirklich wissen wollen: Wie hat Juanito den Kampf mit der Schlange überlebt? „Er hat sie gebissen“, sagt Daguer. „Da hat sie von ihm abgelassen. Menschlicher Speichel ist für diese Tiere giftig.“

Lukas Weidenbach kommt aus dem Rheinland und ist Jahrgang 1983. Peru hat er 2015 bereist. Wenn er nicht gerade reist, arbeitet er in einem Verlag oder schreibt, zum Beispiel die Bilderbücher über die Abenteuer von Carl Mops.

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