12 Gänge, ein Affe und ganz große Emotionen (Karfreitag in Peru)

In Peru gibt es die Tradition zum Karfreitag ein 12-Gänge-Menü zuzubereiten und auch zu essen! 2011 war ich beim Karfreitags-Essen meiner Mitarbeiterin Maria eingeladen – ein emotionales und aufschlussreiches Erlebnis! (Fotos (bis vom Affen) gibt es leider keine, da ich wirklich schwer mit dem Essen der 12 Gänge beschäftigt war ;))

12 Gänge an Karfreitag

Es liegt pure Aufregung in der Luft. Die Vorbereitungen der 12 Gänge neigen sich dem Ende zu. Maria, meine Mitarbeiterin hat mich zum traditionellen Karfreitags-Essen eingeladen – was für eine Ehre. Voller Vorfreude auf das “Mega-Mittags-Menu” aus 12 Gängen, habe ich extra auf mein Frühstück verzichtet. Schließlich soll es ja pünktlich um Zwölf losgehen.

 

Es ist nun um zwei Uhr nachmittags. Gefühlte zehn Stunden verbringe ich in dieser Küche der mehr als mehrköpfigen Familie. Schnipple unter Tränen Zwiebeln, schäle mit den Händen heiße Kartoffeln (ja in Peru macht man das so). Kurz spreche ich mit Marias Tochter, dann ist sie verschwunden. Da kommt wie aus dem nichts die Schwester von Maria. Sie bringt einen Bund Koriander, sagt mir „Hola“ (Küsschen auf die Wange) und Zack – wieder weg. Ich lerne Marias Sohn (Salsa Tänzer, mit dem sie mich verkuppeln wollte) kennen, dann die Oma und später Marias andere Schwester (sieht genauso aus wie Maria). Sie schneidet ein paar Karotten, dann ist sie wieder von der Bildfläche verschwunden. Die Nichten von Maria turnen und springen um mich herum, nebenbei läuft “Radio Exitosaaaa”. Wahnsinn, was für ein Gewusel.

 

Noch immer bin ich mit dem Schälen der Kartoffeln beschäftigt. Da drehe ich mich um und plötzlich, ja wie im falschen Film, sagt Toni (der Mann von Maria) zu mir: „Sag hallo zu Nicolas!“. Auf seiner Schulter sitzt ein Affe. „Hola“ antworte ich unglaubwürdig. Der Affe greift nach der Kartoffel in meiner Hand, kichert laut und versteckt sich dann hinter Toni, der ebenfalls herzhaft lacht. Sehr albern, doch passt irgendwie zur Familie :) – (Zu deiner Info, Toni ist Dschungel-Guide und hat Nicolas damals adoptiert, da seine Eltern gestorben sind. So wurde mir die Geschichte jedenfalls überliefert.)

 

So langsam trudelt die Meute in der Küche ein. Und mit einmal muss es ganz schnell gehen: „Norita, in den Speiseraum.“ Und „Norita, Setz dich, setz dich Norita!“. Ich bin die erste, die sich setzt. Besser so, wenigstens eine, die hier nicht so rumwuselt. Nach und nach finden auch die anderen Familienmitglieder ihren Weg an den Esstisch. Ruhe kehrt dennoch nicht ein. Noch immer werden Plätze gewechselt, Speisen reingetragen und Teller von einem zum anderen Ende des Tisches gereicht. Ich sitze in der Mitte und bin den Händen und Füßen in meinem Gesicht schutzlos ausgeliefert. Eine Person hat noch gefehlt – der Großvater. Er taumelt gemütlich mit dem Gehstock an seinen Platz. Er sitzt mir schräg gegenüber. Ich beobachte ihn eine Weile. Er setzt seinen Hut ab und hält ihn vor sich. Er betet im lauten Ton einige Zeilen auf Spanisch (oder Quechua???), tief in sich gekehrt und voller Emotion. Keiner außer mir scheint sich für ihn zu interessieren. Alle schreien wie wild durcheinander, keiner sonst betet. Meine Aufmerksamkeit hat er jedenfalls. 

 

Der Rest legt derweil mit dem ersten Gang los. Vielleicht gar nicht so eine verkehrte Idee. Immerhin folgen ja noch elf weitere Gänge und wer früher anfängt, der kann zwischendurch auch größere Verschnaufpausen einlegen. Gang eins, das ist „Causa“, gestampfte Kartoffeln mit einer Thunfisch-Mayo-Creme. Fleisch gibt es heute mal ausnahmsweise nicht.

 

Ich bemerke, dass hinter mir jemand am Fernseher rumfummelt. Krass, wie können die denn heute an Karfreitag wieder dieses blöde Mittagsfernsehen einstellen? In Peru lieben die ja Quatsch-TV über alles. Da wo Menschen sich freiwillig zum Honk der Nation erklären. Neulich habe ich eine Musik-Casting-Show im Mittagsrestaurant gesehen. Da stehen die Teilnehmer auf der Bühne auf einem Kreis. Wenn die armen Leute sich versingen, dann drückt die Jury auf einen Knopf, es öffnet sich der Kreis unter ihnen und die Teilnehmer fallen durch die Bühne – “hasta luego!”. Bei diesem Gedanken, muss ich schmunzeln.

 

Doch da bemerke ich, dass wir in Wirklichkeit die Passion Christi gucken. Religiöses Rahmenprogramm also. Erneutes Gewusel kommt auf. Der Film läuft nur in Englisch!!! Na Klasse. Alle geben ihren Senf dazu, es muss der spanische Untertitel her. Die Hälfte des Films ist vorbei, da hat Marias Sohn es endlich geschafft. Und dann kommt er – der zweite Gang. Diesmal eine rote Suppe mit Choclo (Mais) und Garnelen.

 

Schon beim ersten Gang liebäugelte ich mit den Getränken auf dem Tisch. In Peru haben die Leute jedoch die komische Angewohnheit, erst nach dem Essen etwas zu trinken. Es stehen hier auch keine Gläser rum und da anscheinend auch niemand was trinken möchte, warte ich ab. Die Verteilung der Gläser findet dann nach Gang vier statt und die Frage “wer trinkt was”  nach Gang fünf bringt neue Unruhe rein. Die Auswahl besteht zwischen Sprite, Coca Cola und Inca Kola (der peruanischen, nach Kaugummi schmeckenden Version von Coca Cola). Die Mehrheit entschließt sich für die weltliche Coca Cola – eine Kultur im Zusammenbruch?

 

Mit Gang fünf und sechs wurde es himmlisch süß und höllisch bitter zugleich. Während wir Pudding und Milchreis verputzen, werden die Szenen im Film brutaler. Ich schaue zum Großvater, er ist so still geworden. Gut, still war er schon die ganze Zeit aber nun weint er ja – der Arme!! Doch keinen interessiert es. Kurz darauf ist er komplett verschwunden, zu groß das Leid des Jesus?

 

Gang sieben trifft ein. Ein Keks. Gang acht, neun, zehn und elf sind ebenfalls irgendeine Art Brot, Keks oder Gebäck. Alle Bäuche scheinen bereits zu kapitulieren und so lassen sie sich den Rest einpacken. Toll, denke ich. So einfach kommt man also davon? Gang zwölf ist dann schlussendlich eine heiße Schokolade.

 

Und so habe ich tatsächlich dieses gigantische Festtagsmenü “überlebt”. Es war auf alle Fälle super lecker und wie aufregend es doch sein kann, ganz selbstverständlich mit einer peruanischen Großfamilie zu speisen. Das Essen wird zur Nebensache – Hauptsache ich bin mittendrin :)

Nora

Nora

Reiseautorin & Fotografin

 

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