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Via Mountainbike Tour zum Colca Canyon

Dies ist ein Gastartikel von Stephan Schwade.


Ich höre nichts. 

Nur das leise Surren der Reifen auf Asphalt. Und die atemberaubende Aussicht in den Colca Canyon. Die dünne Luft auf fast 5.000 Metern Höhe scheint jeden Schall zu schlucken. Neben der Bergstraße geht es fast senkrecht über 100 Meter bergab. Der Blick ins Tal entschädigt für das frühe Aufstehen und die lange Anfahrt. In diesem Moment ist alles leicht.

 

Abfahrt mit Victor Hugo und dem Tour-Bus in Arequipa

5 Stunden vorher in Arequipa. Unser Tourguide mit dem grandiosen Namen Victor Hugo holt mich ab.

 

Der Bus ist bereits mit anderen Reisenden voll. Eine bunte Mischung durch alle Länder und Altersklassen. Unser Ziel ist der Colca Canyon, der zweittiefste Canyon der Erde. Uns erwarten extreme Höhenunterschiede und extrem schöne Aussichten. Um passend vorbereitet zu sein, decken wir uns am Rande Arequipas auf Victors Anweisung hin mit Coca Sweets und Coca Blättern ein.

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Ich habe schon oft gehört, dass Coca gut gegen die Höhenkrankheit helfe. Direkt werfe ich mir ein paar Blätter ein und kaue wild darauf herum. Gerade schlucke ich den ersten Batzen herunter, als Victor Hugo uns warnt: „Wenn ihr nicht an Coca Blätter gewohnt seid: Auf keinen Fall runterschlucken!“ Ich schlucke direkt nochmal und steige erstmal auf die leicht verträglichen Coca Sweets um.

 

3 Stunden später geht es mir immer noch gut. Die Fahrt führt uns erst durch die armen Außenbezirke von Arequipa und dann immer tiefer ins karge Gebirge. Außer ein paar bizarren Fels-Formationen gibt es hier oben nichts. Eine abgelegene Industrie-Anlage, zu der einige LKW pendeln, aber sonst nichts.

 

Start der Mountainbike Tour zum Colca Canyon

Auf dem höchsten Punkt der Tour verlasse ich die Reisegruppe. Auf fast 5.000 Höhenmetern inmitten einer Steinwüste. Nur zahllose Stein-Männchen deuten darauf hin, dass hier öfter Menschen zu Besuch sind.

 

Es stellt sich heraus, dass ich als Einziger für diesen Tag die Mountainbike Tour gebucht habe. Ich habe den Bike-Guide also für mich alleine. Nico heißt der Gute und mich mit einem breiten Grinsen willkommen.

 

Noch ein paar Opfergaben …

Nach ein paar kurzen Einweisungen, bauen wir auch ein Steintürmchen – mit Coca-Blättern, um Götter, Geister und Natur auf unsere Seite zu holen – und dann geht’s los mit dem Bike.

 

Auf dem Bike wird nochmal deutlicher, dass wir von Nichts umgeben sind. In weiter Entfernung liegen ein paar schneebedeckte Gipfel. Um uns nur die Straße und karge Stein-Landschaft.

 

Im Nichts.

Keine Autos. Keine Menschen. Keine Häuser. Keine Bäume. Keine Geräusche. Alles verschluckt von der Weite der Welt. Die Strecke ist flach – und langweilig. Das soll sich schlagartig ändern. Nach kurzer Fahrt öffnet sich ohne jede Ankündigung der erste Blick ins noch weit entfernte Tal. Und damit beginnt unsere Abfahrt …

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Die Stille ist immer noch präsent. Dafür sind die anderen Sinne überbeschäftigt. Meine Augen wollen ständig ins Tal hinabschauen und müssen aber auch die Straße im Blick behalten. Denn die Stille täuscht. Alle paar Minuten begegnen uns Autos – oder überholen uns. Man hört sie erst im letzten Moment. So sehr die breite Straße dazu verleitet mit dem Mountainbike kleine Schlenker zu fahren, sollte man es besser lassen. Autos und Busse fahren hier schnell. Zwar habe ich die Peruaner als erprobte Fahrer kennengelernt, aber Unfälle passieren eben auch hier.

 

Bei der nächsten Traumaussicht zeigt Nico auf einen glitzernden Punkt, Hundert Meter unter uns, eingerahmt zwischen spitzen Felsen. „Siehst du das?“ Ich nicke. „Das war ein Auto. Da drüben sind noch mehr.“ Die Gebirgsstraßen sind nach europäischen Maßstäben geradezu haarsträubend. Meist geht es direkt neben dem Asphalt senkrecht runter. Leitplanken gibt es nur dort, wo bereits Dutzende Kreuze an Unfällen erinnern.

 

Die Zeit vergeht wie im Flug. Nach gut 1,5 Stunden haben wir das Tal erreicht. Im Vorfeld hatte ich großen Respekt vor der Tour: Mountainbiken im zweittiefsten Canyon der Welt. Das klingt irgendwie hart und gewaltig. Die Aussicht ist auch gigantisch. Aber angekommen im Tal fühle ich mich körperlich leicht unterfordert. Mit der ersten kleinen Steigung ändert sich das schlagartig.

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Bergauf in der Höhe ist kein Spaziergang

Während ich in Deutschland im Stehen kleine Hügel im Sitzen locker hochradel, geht mir hier schon bei flachen Steigungen die Puste aus. Nico grinst breit. Ich kämpfe mich im Stehen voran, während er gemütlich an mir vorbeizieht. Ich überspiele erste Erschöpfung mit Interesse an der Landschaft und halte jetzt öfter als vorher um Fotos zu schießen.

 

Grund dazu gibt es mehr als genug. Das Tal wird immer schöner und ich bin mir sicher, dass ich noch nie in einer schöneren Landschaft war. Vor vielen Jahrhunderten haben die Inka hier Terrassen in die Berge geschlagen – von der Canyon-Spitze bis zur Talsohle. Die Flächen wurden zur Landwirtschaft genutzt: Für jede Frucht wurde akribisch die perfekte Höhe ausgesucht. Noch heute ist die Gegend um Arequipa eines der wichtigsten Gebiete für Perus Nahrungsmittel. Wie ein Stadion liegt das Tal vor uns. Und genauso nennen die Einheimischen diesen Bereich auch: Coliseo.

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Kaktus-Früchte und ihre fiesen Stacheln

Wir fahren weiter. Über Schotterwege, mal steiler, mal flacher – immer in praller Sonne mit grandiosem Ausblick. Nico gibt mir ein Zeichen anzuhalten. Wir stoppen bei einer kleinen Hausruine, die von blühenden Kakteen umgeben ist. Jede trägt einige gelb-orange Früchte. Genau auf die hat es Nico abgesehen.

 

Er pflückt vorsichtig eine Frucht und reißt ein paar Zweige aus einem Busch. Als er anfängt, mit den Zweigen die Kaktusfrucht abzubürsten, kommt es mir vor wie ein Inka-Ritual. Er hält mir Frucht und Zweige hin und ich mache es ihm nach. Ich hab keine Ahnung, was ich da tue – und Nico schnappt sich eine weitere Frucht und bürstet sie. Dann öffnet er die weiche Schale und eine saftige Frucht kommt zu Vorschein. Sie schmeckt süß und erfrischend, und wir schnappen uns noch zwei weitere.

 

Dabei vernachlässige ich das Bürsten ein wenig – und bereue es gleich darauf. An den Früchten sind winzige Stachel, die sich hartnäckig in die Haut bohren. Fast unsichtbar, aber vorhanden. Und da bleiben sie auch noch etwa drei Tage.

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Ankunft in Chivay und Besuch der Thermalquellen

Der Rest der Tour ist eine entspannte Abfahrt im Schatten. Im Tal angekommen bin ich platt und happy. Nico wirkt so frisch, als könnte er denselben Weg lächelnd zurückfahren. Ich hingegen bin komplett durchgeschwitzt und freue mich auf ein Bad in den heißen Quellen. Ein Bekannter von Nico holt uns ab und fährt mich zu den heißen Quellen. Auf der Rückbank sitzend lasse ich meinen Blick ins Tal schweifen und nicke zur einheimischen Musik. Erschöpfung hin oder her: Hier fühlt sich wieder alles ganz leicht an.

 


 

Bei den heißen Quellen treffe ich wieder auf die Reisegruppe. Müde sehen die anderen aus. Gelangweilt. Aber so ist das wohl, wenn man den ganzen Tag im Bus verbringt :)

 

Ich steig ins Wasser, mach die Augen zu, tauche unter und höre wieder nichts.

stephan2

Das war ein Gastartikel von Stephan Schwade. Er ist im April 2015 durch Peru gereist und hat auf Trekking-Touren, dem Fahrradsattel und in der „Cancha“ (peruanisch für Fußballplatz) das wahre Leben von Peru kennen gelernt.

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4 Kommentare
  • Kristina

    21. Oktober 2015 at 9:02 Antworten

    Hey das klingt ja super und würde mir auch gefallen :) wie bist du zu der Tour gekommen?Also über eine Agentur oder wie kann man sich das organisieren?

    • Nora

      21. Oktober 2015 at 11:01 Antworten

      Hallo Kristina,
      du kannst dir diese Tour entweder direkt vor Ort in einem der Tour-Büros in Arequipa organisieren oder du wendest dich im Voraus an eine deutschsprachige Agentur, die das für dich plant. Gern kannst du mir eine Nachricht schreiben, wenn du einen Kontakt brauchst :) Liebe Grüße!

  • Caroline Bermes

    7. April 2016 at 10:19 Antworten

    Hallo Nora,
    ich wäre auch an einem Kontakt interessiert! Der Bericht klingt nämlich sehr gut :)
    Viele Grüße,
    Caroline

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