Das Qoyllur-R’iti – Zwischen Religion, Andenkosmos, einem Affen, peruanischem Kitsch und nem Heiratsantrag.

Bevor du meinen Artikel liest, sieh dir bitte erst dieses kurze Video vom Qoyllur R’iti an.

Da stehe ich nun.

 

irgendwo verschlungen in den Anden auf 4.300 Meter. In einer surrealen Vergnügungswelt, einem fast schon anarchischen Rummel, den Tim Burton nicht besser hätte in Szene setzen können. Alle hier wissen genau, was sie tun und warum sie hier sind. Sie singen, sie lachen, sie weinen, sie beten. Nur ich stehe hier irgendwie im Weg. Schon wieder einer dieser Touristen, müssen sie denken. Oder einer dieser sinnsuchenden Menschen vielleicht?

 

Drei Jahre in Folge fand ich mich in derselben Situation wieder. Und immer dachte ich mir, wow, da bist du ja wieder beim Qoyllur R’iti, dem größten und wohl bedeutungsvollsten Pilgerfest der südamerikanischen Urvölker, der Quechua und Aymara.

 

Aufbruch zum Qoyllur R’iti mitten in der Nacht

Es ist zwei Uhr nachts. Der Wecker klingelt. Eine sehr unchristliche Zeit für einen religionslosen Pilger. Um halb drei treffe ich mich mit Tine und Manuel am Terminal in Cusco, da wo die Busse nach Mawayani abfahren. „A Mawayani, a Mawayani, a Mawayani“ schreit der Laufbursche des Busfahrers zu uns. Wann fährt der Bus los? – fragen wir. „Ahora“, Jetzt sagt der Junge. Wir steigen ein, doch der Bus ist nur halb voll. Wir warten. Nach und nach füllt sich der Bus mit weiteren Pilgern aus Cusco, alle sind dick angezogen, tragen Mützen. Spannung liegt in der Luft. 30 Minuten sind vergangen. Immer noch ist ein Platz frei. Der Motor läuft, der Bus rollt drei Meter und stoppt. „apurate pues“ (beeil dich) rufen die Fahrgäste von hinten „vamos de una vez“ (Lasst uns losfahren) rufen die anderen. Aber das Geschäft mit dem einen Sitzplatz lässt sich kein Peruaner entgehen. Das wissen hier alle. So wird hartnäckig nach dem letzten potentiellen Fahrgast Ausschau gehalten. Und er kam. Der Wagen rollt los.

 

Drei Stunden durch das Altiplano Perus, 128 Kilometer bis nach Mayawani, dem Ausgangspunkt der Pilgerwanderung. Es ist bitter kalt. Die Fenster beschlagen. Ich mache kein Auge zu. Kurz vor sechs Uhr kommt der Bus in Mawayani an, schleicht zunächst durch den kleinen Ort. Stopp and Go. Es sind andere Busse vor uns. Es wird laut gehupt. Ich wische an den Scheiben und für kurz stockt mein Atem. So viele Leute, damit hätte ich nicht gerechnet. Wir fahren an unzähligen improvisierten Ständen mit blauen Plastikplanen vorbei, darüber schwebt der Morgennebel. Aus großen Kesseln schöpfen die Frauen dampfende Suppe. Auf einem Feld stehen hunderte Lastwagen, ein paar mehr rollen gerade ein, beladen mit Männer und Frauen in fremdartigen Kostümen.

 

Ankunft in Mawayani – der Puls steigt.

Wir steigen aus. Erst einmal runter von der Fahrbahn. Taxis, Busse, Pferde, Esel und Menschen. Alles läuft und fährt hier quer durcheinander. Ein paar Männer kommen mir entgegen. Sie gucken grimmig. Eigentlich tragen sie Wollmasken, aber die haben sie hochgekrempelt. Sie tragen lange Umhänge aus Wollfransen, vorne drauf ein Kreuz. Der Gang ehrwürdig, ihre umgehangenen Glocken machen krach. Irgendwie beängstigend. Ich war zunächst wie gelähmt, konnte nichts sagen. Es war ein Gefühl von Ehrfurcht, Respekt und irgendwie fehl am Platz zu sein. Wir befinden uns auf 4.050 Meter. Die Luft ist kalt und dünn.

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Die ersten Meter führen uns einen Hang hinauf, vorbei an weiteren Ständen. Hier wird alles verkauft. Süßes, Kokablätter, Mützen, Taschenlampen, Kerzen, Toilettenpapier und kleine Wundermittel gegen die Höhe. An den Frühstücksständen stärkt man sich ordentlich mit deftigen Fleischsuppen und heißem Kokatee. Die Fernseher laufen im Hintergrund. Am letzten Stand verkauft ein Mann dünne Heftchen und DVDs. „la historia del Qoyllur R’iti – solomente un sol, un sol“ (die Geschichte des Qoyllur R’iti – nur einen Sol, einen Sol) ruft der Mann den vorbeilaufenden Pilgern zu.

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Die Geschichte des Qoyllur R’iti – und die wirkliche Wahrheit?

Bei meinem zweiten Qoyllur R’iti Besuch habe ich mir ein solches Heftchen gekauft. Es umfasst wenige Seiten. Ein paar Fakten und Verhaltensregeln auf Spanisch, Gebete und Lieder auf Quechua. Es beschreibt kurz die Geschichte des Qoyllur R’iti, wie sie den Indigenen von der katholischen Kirche auferlegt wurde. Einer Legende zufolge verirrte sich ein kleiner Hirtenjunge in den Bergen von Vilcanota. Er fand sich am Fuße des Gletschers Qolquepunco wieder, wo ihm plötzlich der heilige Jesus, der Señor de Qoyllur R‘iti begegnete. Er ritzte seine Gestalt in einen Fels. Alle wollen ihn sehen. Diesen Stein. Es ist der Grund, warum jährlich bis zu 10.000 Menschen den weiten und schweren Weg auf sich nehmen. Doch das Geheimnis des Qoyllur R’iti liegt woanders.

 

Die Wanderung zur Wallfahrtskirche

Es geht weiter den Berg hinauf. Der Pfad führt uns an Bergschluchten vorbei.

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Es hat gefroren über Nacht. Der Weg ist stellenweise mit Eis überzogen. Eine tödliche Falle für den, der hier ausrutscht. So folgt das Schicksal bei Gewähr. Am Abgrund sehe ich ein Pferd. Kopfüber ist es gestürzt und regt sich nicht. Es ist tot. Die Szene sieht an mir vorbei. Keine Zeit zurück zu blicken. Weiter bergauf. Es sind acht Kilometer bis zum Fuße des Gletschers und zur Wallfahrtskirche. Der Weg schlängelt sich rechts an Bergwänden und links an grünen Tälern, Alpakaherden und einem kleinen Bach vorbei. Wir sind nicht allein. Wir sind zu hundert. Jeder wandert für sich und doch mit der Gemeinschaft.

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Der Pfad geht kontinuierlich leicht bergauf. Machbar – aber die Höhe legt den Atem lahm. Die Lungen tun weh. Alle zehn Meter erschöpfte Pilger am Wegesrand. Sie bedecken sich mit Tüchern den Kopf. Die Sonne brennt. Es sind städtische Pilger aus Cusco, ein paar Limeños und der Großteil indigene Volksstämme. Sie kommen aus allen Himmelsrichtungen. Viele von ihnen sind Tage unterwegs. Es sind Dorfgemeinschaften in Kolonnen.

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Jeder hat seinen Platz, seine Aufgabe. Die ersten in der Kolonne tragen einen kleinen Altar, einen Kasten mit dem Jesus-Bild, gefolgt von Fahnenträgern, von Trommelschlägern, Akkordeon- und Flötenspielern. Man hört sie von Weiten. Die Geräuschkulisse taucht plötzlich auf, sie kommen immer näher, bis sich unsere Wege vereinen. Alle schleppen gleichermaßen Feuerholz, riesige Kerzen und Kreuze. Dahinter die Frauen mit ihren kleinen Kindern auf dem Rücken. Die Pferde transportieren Decken, Reisetaschen und Plastikstühle. Ein Mann der uns überholt, trägt eine Harfe auf dem Rücken.

 

Es ist 10 Uhr morgens. Auf dem Weg passieren wir einige große Kreuze am Wegesrand. Die Pilger machen davor halt und knien sich zu Boden. Die Orchester werden langsamer, dann leiser, bis sie ganz verstummen. Die Pilger beten und weinen. Wenn die nächste Kolonne kommt, dann brechen sie auf. Vorwärts. Weit kann es nun nicht mehr sein. Die Sonne steht nun ganz hoch, Kinder in Trachten rennen an uns vorbei, sie lachen.

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Religiöser Ort oder Rummel?

Der Weg führt noch einmal steiler bergauf und da sind sie plötzlich wieder, die Stände mit blauen Plastikplanen. Nicht einer, nicht zwei – zahllose Stände reihen sich aneinander. Und was wird hier verkauft? Kleine Spielzeugautos. Kleine Spielzeugautos – denke ich nochmal. Wie bitte? Ich ließ noch einmal Revue passieren. Ich befinde mich auf einer Pilgerwanderung. Auf 4.700 Meter Höhe, in einer autarken Lebensumgebung. Die Menschen kommen um zu Jesus zu beten. Sie glauben an Gott, sie verzichten auf Alkohol, sie werden ihre Sünden büßen. Sie weinen, beten und verkaufen Plastikautos. Ok gut.

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Ein anderer Stand verkauft Plastikhäuser, Plastikbusse und Spielzeuggeld, bündelweise Dollarscheine. Die Nummer wird immer schräger, denke ich. Andere Stände verkaufen kitschige Bilderrahmen mit dem Abbild Jesus, darüber der Schriftzug Qoyllur R’iti. Sie verkaufen Uhren, Kreuzketten, Schlüsselanhänger, Plüschtiere und jede Menge strahlendes Klim-Bim.

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Ich nähere mich einem Stand und sehe mir das Ganze von Nahem an. Da spricht eine Señora zu mir: „llevate mami dólares“ (Kauf dir Dollar Mami). „para que tengas suerte“ (Damit du Glück hast). Wir ziehen an den Ständen vorbei, immer wieder höre ich „dólares“ „dólares“. Von einem anderen Stand heißt es „certificados„certificados“, (Zertifikate). Ein Zertifikat für einen erfolgreichen Uni-Abschluss. Ein Zertifikat für Gesundheit. Ein Zertifikat für einen Hausbau. Wie teuer Señora, frage ich? 5 Soles antwortet sie. Ich entscheide mich ein Zertifikat für Gesundheit zu kaufen, man weiß ja nie. Die Frau trägt meinen Namen ein. Ich unterschreibe. Unter Weihrauch und Konfetti-Staub wird das Zertifikat gesegnet.

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Auf einmal liegt es vor uns. Das Tal, am Fuße des Berges Qoyllur Riti.

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Tausende Zelte. Menschenmassen. Ein Getümmel, wie ein riesiger Berg voller Ameisen. So klein erscheint mir alles aus der Ferne. Im Minutentakt gehen Raketen hoch. Tänzergruppen wandern an den Berghängen ins Tal hinein. Wie Lemminge fallen sie hinab. Nun sind wir mittendrin. Die Müdigkeit, vergessen. Die anstrengende Wanderung, die Kraftlosigkeit – alles vergessen. Es ist wie ein Rausch, des Adrenalins. Hier muss man wach sein. Hellwach.

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Meine Zukunft in den Händen eines Affen

Ich sehe in die Augen eines Affen. Er lacht mich an. Wieder fehlen mir die Worte. Ein Affe und ein Papagei sitzen auf einem Käfig. Daneben ein Mann mit Base-Cap. Davor eine Holz-Box mit Papier-Kärtchen. Ein paar Neugierige stehen im Kreis. Der Affe zieht ein Kärtchen und gibt es einem kleinen Kind, welches auf den Schultern seines Vaters sitzt. Mit strahlenden Augen öffnet das Mädchen den Zettel und bedankt sich. Sie ziehen weiter.

 

Manuel guckt mich an und sagt: „Norita, comprate uno“ (Norita, kauf dir eins). Es kostet einen Sol. Wirklich? Frage ich Manuel. Na klar, warum nicht. Ich beobachtete das Geschehen noch einen Moment. Gerade hatte der Affe nichts zu tun. Und ich näherte mich dem Käfig. Du möchtest dir deine Zukunft vom weisen Affen oder Papagei ziehen lassen? Ja antwortete ich und sah dem Affen in die Augen.

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Der Mann sprach dem Affen etwas zu und dann greift er in die Box, zieht einen Zettel und gibt ihn mir. Verrückt irgendwie. Danke sage ich und entferne mich wieder vom Käfig, die nächsten Glückssuchenden wollen einen Zettel ziehen.

 

Es bleibt fast keine Zeit, den Zettel zu studieren. Da schiebt uns bereits eine Truppe maskierter Tänzer voran. Ich trete einen Schritt bei Seite. Anfangs zögerte ich Fotos zu machen. Ich dachte ich würde zu tief eingreifen in diese Welt. Stattdessen forderten mich die Einheimischen regelrecht auf Fotos zu machen. Sie gucken alle auf meine Kamera, mit großen Augen, als hätten sie nie eine Kamera in ihrem Leben gesehen. Ein Mann, am Wegesrand, fängt an zu grinsen als er mich sieht und meint, mach bitte ein Foto von mir. Er lacht über das ganze Gesicht und ich lache mit ihm. Er hat nur noch zwei Zähne aber sein Lachen ist so echt. Es hat sich eingebrannt in meinen Kopf, bis heute.

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Sie kommen, um zu tanzen

Das Treten fällt schwer. Wir werden von links nach rechts geschoben. Bis wir an einem betonierten Platz ankommen. Dumpfe Peitschen ertönen in der Luft. Was ist das, frage ich mich. Mit Woll-Mützen maskierte Tänzer hüpfen, springen und lachen schrill. Sie umkreisen sich gegenseitig und schlagen sich mit Peitschen um die Füße. Auf dem Rücken tragen sie ausgestopfte kleine Lamas oder Alpakas. Als Glücksbringer. Es sind Opfergaben, sie sollen sie während dieses Festes Schutz und Glück bringen.

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Eine Kirche auf 5.000 Meter Höhe

Oberhalb des Platzes befindet sich die Wahlfahrts-Kirche. Davor eine Art Terrasse. Ein Priester unterbricht die Tänze und ruft zu einer Messe auf. Die Menschen stehen nun still und richten ihren Blick zur Kirche. Sie nehmen ihre Mützen und Hüte ab und knien sich zu Boden. Kurz Stille.
Währenddessen warten Gläubige vor der Kirche auf den Einlass. Sie stehen in einer 50-Meter langen Schlange. Sie geht nicht voran. Sie warten Stunden, um irgendwann in die Kirche zu kommen. Es führt ein enger Weg hinter der Kirche entlang. Wir gehen ihn und blicken durch kleine Gitterfenster in die Kirche hinein. Ich sehe ein Kerzenmeer. Der Raum gefüllt mit Kerzen. Ich höre Stimmen und das klägliche Jammern und Weinen von Gläubigen. Ein paar knien zu Boden unter Tränen. Es ist ein zutiefst religiöser Ort.

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Gern würde ich die Kirche von innen besichtigen. Aber nein. Ich überlasse ihn diesen Menschen hier. Es ist ihr Ort, ich respektiere das. Es gibt keinen Fleck um dieser Kirche, wo die Menschen keine Kerzen niederlassen. Überall brennen Kerzen, sie erlöschen, neue werden gezündet.

 

Krafttanken im Küchenzelt

Wir bekommen Hunger und ein wenig Erschöpfung kehrt ein. Hinter dem betonierten Platz beginnt ein weites Feld, welches mit Küchenzelten bestückt ist. Eine kleine Flaniermeile für die Beköstigung der Pilger. Wieder gerate ich ins Staunen. Garküchen, es wurde an alles gedacht. Gas-Eimer, Gas-Kocher, Pfannen, riesige Suppen-Köpfe, Literweise Plastikeimer mit Wasser, Chicha und anderen Getränken. Doch, kein Alkohol. Unter dem Zelt stehen Bänke, bedeckt mit Schafsfellen und schweren Decken.

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Wir kehren in einem der Zelte ein. Hier gibt es warme Hühner-Suppe. Total erschöpft fallen wir auf die tiefen Sitze. Für einen kurzen Augenblick Ruhe, die Aufregung von draußen erklingt für einen kurzen Moment als dumpfer Einheitsbrei. Neben uns hängt der Leib eines toten Tieres. Ein Schaf oder Rind, ich weiß es nicht. Ich bin so müde, ich falle in einen kurzen Schlaf, dann wird uns die Schale Suppe gereicht.

 

Die Legende der Ukukus – der Bärenmenschen

Da sind sie wieder, die Männer, mit langen Umhängen aus Wollfransen. Sie werden Ukukus genannt. Den Legenden der Anden zufolge, sind sie Bärenmenschen. Die Mischung aus Bär und Mensch. Sie kommen uns entgegen in schnellem Tempo, springen in die Lüfte, jauzen und peitschen auf den Boden. Sie wirbeln den sandigen Weg auf. Sie lachen. Ein Ukukus springt einem anderen auf den Rücken, er lacht wie ein wildes Tier und wieder schlägt er mit der Peitsche auf den Boden.

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Wie ich erfahre, sind die Ukukus die einzigen die den Gletscher des Berges betreten dürfen. Mit einem riesigen Kreuz machen sie sich auf den Weg, um der Berggottheit zu danken. Eine Nacht verbringen sie an diesem heiligen Ort. Peitschen sich aus, singen und tanzen. Sie würdigen den Apu, der Berggottheit in Form von Opfergaben. Für die Menschen hier ist dieser Berg heilig, er hat übernatürliche und heilende Kräfte. Die Ukukus tragen Eis für ihre Gemeinden ab, um es dann in Medizinfläschchen zu verteilen. Als Heilmittel und als Glücksbringer begleitet es die Menschen über das Jahr. In dem Eis steckt die Energie des Schneesterns – dem Qoyllur R‘iti. Die Menschen im Tal warten gespannt auf die Rückkehr der Ukukus. Sie haben Angst. Denn sollten die Ukukus kein Eis mit ins Tal bringen, dann ist das ein böses Omen. Ein Zeichen für ein schlechtes Erntejahr.

 

Der Traum von den eigenen 4-Wänden

Weiter oben am Berg sehen wir einen Hang voller getürmter Steine. Häuser, kleine Burgen. Wir nähern uns.

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Ein großer Sandkasten aber aus Steine, darin Peruaner die konzentriert Klötzer hin- und herschieben. Wir fragen einen Mann, was hier genau passiert. Man antwortet uns, hier kannst du dir dein Haus bauen. Oder dein Geschäft, was immer du möchtest. Aber du musst vorher Land kaufen. Beim Notariat. Wie bitte? Ja beim Notariat, dahinten, da, gerade aus. Bei der Señora.

 

Neugierig wenden wir uns an Sie. Wenige Soles für einen Quadratmeter Geröll. Manuel und Tine kaufen sich ein Stück Land und beginnen mit dem Bau. Im wahren Leben bauen die zwei tatsächlich ein Haus in Cusco. Es soll Glück bringen. Ich entscheide mich, ebenfalls was zu bauen. Um des Bauens Willen. Wie kleine Kinder fühlen wir uns, zutiefst gefangen in dieser Welt. Der Lärm der Tänze, der Menschenmassen liegt unter uns, im Tal.

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Immer mal wieder schaue ich hoch und dann hinab. Ich sehe eine Familie. Eltern und ihre drei Kinder, vereint. Sie sitzen im Kreis, vor ihnen das eben errichtete Haus. Die Mutter betet und spricht ein Gebet. Der Vater hält ein Kännchen aus dem Weihrauch in den Himmel steigt.

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Der halbe Heiratsantrag auf knapp 5.000 Meter Höhe

Die Zeit verging wie im Flug. Es ist drei Uhr nachmittags und wir wissen, so langsam müssen wir aufbrechen, um noch vor Dunkelheit in Mawayani anzukommen. Heute ist Sonntag. Viele städtische Pilger werden jetzt noch zurückkehren.

 

Wir bahnen uns also unseren Weg zurück. Noch einmal passieren wir die Señora vom Notariat. Sie steht neben ein paar jungen Burschen. Sie lacht als sie uns sieht und verwickelt uns in ein Gespräch. „de donde son?“ (Woher seid ihr?). Wir erzählen ihr kurz von uns. Manuel und Tine sagen, dass sie verheiratet sind und in Cusco leben. Und du? Fragt mich die Señora und lacht. Bist du auch verheiratet? Ich grinse nur. Nein, sage ich. „aqui puedes casarte, si quieres!“ (Hier kannst du heiraten, wenn du möchtest!) sagte sie voller Euphorie. Ich habe hier ich ein paar tolle Kanditaten. Du kannst dir einen aussuchen.

 

Das ist doch ein abgekaspertes Spiel denke ich. Alle lachen verlegen und ich versuche mich schleunigst aus dieser Situation rauszureden. „Pues, en alemania ya no se casan!“ (In Deutschland heiratet man nicht mehr) antworte ich selbstsicher :) Und überhaupt bin ich noch viel zu jung für sowas.

 

Das absurde Gespräch zog sich noch etwas. Doch irgendwie können wir doch fliehen und bahen uns unseren Weg hinab ins Tal und den Pilgerweg zurück in Richtung Mawayani.


Das Qoyllur R’iti. Wenn ich zurückdenke, dann scheint es mir wie ein absurder Traum. Denn ist das Real? Es hat doch nichts mit dem Leben zu tun, was ich nun 26 Jahre lang kenne. Ein Traum, in dem sich Bekanntes und Unbekanntes zu einem surrealen Konstrukt zusammenfinden. So unwirklich, so abstrakt und doch eigentlich nur fremd.

 

Ein Grund wieder hinzugehen. Um den eigenen Verstand zu lockern, den Geist wachzurütteln. Horizonte erweitern wie man so schön sagt.

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Hola! Ich bin’s die Nora, das Gesicht hinter Info-Peru.

Ich habe über zwei Jahre bei lokalen Reiseagenturen in Cusco gearbeitet und bin schon viel durch Peru gereist. Für mich bedeutet dieses Land „Vielfalt“. Vielleicht ist es die peruanische Höhenluft, die mich zum Schreiben inspiriert – auf jeden Fall könnte ich mir nichts schöneres vorstellen.

 

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1 Kommentar
  • Nord-Peru Reisen

    19. Mai 2016 at 17:20 Antworten

    Ein ganz toller Artikel, der mich sehr gefangen genommen hat. Aber sag mal, was hat der Affe Dir denn vorausgesagt ?

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